Fahrer als lebender Airbag

26.06.2017

Vom 19.-23. Juni führte die Automobiltechnik der Berner Fachhochschule BFH in Partnerschaft mit den Berufsverbänden der Automobilindustrie FutureDays durch. Lernende aus der ganzen Schweiz erhielten Informationen zur beruflichen Weiterbildung in der Automobilbranche. Als jeweiligen Tageshöhepunkt liess die Dynamic Test Center AG (DTC) täglich zwei Autos kollidieren.

Bei der diesjährigen Serie von Tests sollte ein allfälliges beifahrerseitiges Sicherheitsdefizit von Fahrzeugen bei einem Seitenaufprall aufgezeigt werden. Aktuell bestehen für Beifahrer weder gesetzliche Vorgaben noch werden die Insassenbelastungen bei Konsumentenschutz-Crashtests untersucht.

Unfallstatistiken zeigen, dass bei Seitenkollisionen (far side occupant) Beifahrer oft am Kopf und Oberkörper verletzt werden. Eine naheliegende Theorie geht davon aus, dass der Fahrer bei der Seitenkollision Richtung Beifahrer beschleunigt wird, während der Beifahrer aufgrund der Massenträgheit unter dem Schultergurt rausrutscht und in der Folge Fahrer und Beifahrer die Köpfe zusammenschlagen. Das Thema „far side occupant“ wird daher sowohl bei den Fahrzeugherstellern wie auch im Euro-NACAP als neuartige Testvorgabe heiss diskutiert.

Bei der durchgeführten Seiten-Crashserie wurde jeweils ein Fahrzeug mit 50 km/h in die Seite eines stehenden Fahrzeugs gefahren. Als Testfahrzeuge wurden verschiedene Marken und Modelle der Klein- und Mittelklasse eingesetzt. Da die Unfallstatistiken auf Daten der Vergangenheit beruhen, wurden entsprechende Fahrzeugjahrgänge, welche mit Seitenairbags ausgestattet sind, verwendet. Auf dem Fahrerplatz wurde ein Dummy ohne Messtechnik angegurtet platziert. Beifahrerseitig kam ein klassischer Seitencrashdummy (ES2) mit kompletter Messtechnik zum Einsatz.

Lebender Airbag

Die Crashversuche haben gezeigt, dass der Beifahrerdummy aus dem diagonal verlaufenden Schultergurt herausrutschte, unabhängig ob der Gurtstraffer gezündet wurde oder nicht. Der Fahrerdummy bewegte sich aufgrund der Massenträgheit zuerst gegen links, genau gleich wie der Beifahrerdummy. Im Moment, in dem der Beifahrerdummy am Fahrerdummy aufprallt, ist der Kopf des Fahrers immer noch seitlich weggerichtet, weshalb der Beifahrerdummy mit seinem Kopf gegen den Hals und Schulter des Fahrerdummys prallt. Dabei wurden am Kopf des Beifahrerdummy keine kritischen Belastungen gemessen, im Schulter- und Rippenbereich lagen die Belastungen aber nahe der zulässigen biomechanischen Grenzwerte. Ein Zusammenschlagen der beiden Köpfe konnte bei keinem der fünf Seiten-Crashtests beobachtet werden. Aufgrund der starken Auslenkung des Oberkörpers des Beifahrerdummys ergibt sich eine Art Peitscheneffekt gegen rechts. Je nach Rotation des Fahrzeugs erfolgte danach ein Kopfanprall gegen den Dachrahmen oder die B-Säule. Bei drei der fünf Seiten-Crashtests waren die gemessenen Kopfbelastungen am Beifahrerdummy dabei höher, als beim Anprall am Fahrerdummy. Könnten Fahrer und Beifahrer durch ein wirkungsvolles Rückhaltesystem voneinander getrennt werden (z.B. verbessertes Gurtsystem oder Mittelairbag), müsste der Fahrer bei einer Seitenkollision nicht als lebender Airbag dienen.


Autor | Raphael Murri, DTC, Bereichsleiter passive Sicherheit

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