Benziner russen schlimmer

30.05.2017

Katastrophaler als die Diesler vor 15 Jahren: Moderne Benzinautos stossen alarmierend hohe Mengen von krebserregenden Stoffen aus. Das haben Schweizer Forscher gemessen.

Der Beschiss bei den Dieselmotoren hat 2015 den Tod von zusätzlich 38'000 Menschen verursacht. Diese Erkenntnis eines internationalen Forscherteams sorgte Mitte Mai für Schlagzeilen. Für die Todesfälle verantwortlich sollen über Software manipulierte Dieselfahrzeuge sein, die 4,6 Millionen Tonnen mehr Stickoxide (NOx) ausstossen, Grenzwerte überschreiten, im Sommer zu mehr Feinstaub und Ozon beitragen. Die Folge: mehr Herzinfarkte, Schlaganfälle und Lungenkrankheiten.
Mit dem VW-Dieselskandal hat der in Deutschland staatlich geförderte Motor seine Unschuld verloren. Benziner stossen im Schnitt deutlich weniger Stickoxide aus. Sind sie also die bessere Wahl?
Schweizer Wissenschaftler wollten es genauer wissen und untersuchten das zweite grosse Übel der Verbrennungsmotoren, den Ausstoss von Russpartikeln. Das Ergebnis ist verheerend, die Forscher schlagen Alarm. Moderne Benzinmotoren stossen deutlich mehr gefährliche Partikel aus als alte Dieselmotoren. Auf diesen Russteilchen sitzen diverse krebserregende Stoffe. Und das in Konzentrationen, die den europäischen Grenzwert für Benzo(a)pyren überschreiten. Den Schadstoff kennt man vom Tabakrauch.

«Es ist wieder wie in den Neunzigern»

«Die neuen Benzin-Direkteinspritzer werfen uns in die neunziger Jahre zurück, als Diesler noch ohne Partikelfilter unterwegs waren», sagt Norbert Heeb, Chemiker an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Er koordinierte die Untersuchung von sieben Benzin-Direkteinspritzern, die zwischen 2001 und 2016 in den Verkehr gebracht wurden.
Die Forscher verglichen deren Partikelausstoss mit dem eines Dieslers von 2013, des Peugeot 4008 mit serienmässig eingebautem Partikelfilter. Die Autos wurden unter realen Fahrbedingungen getestet, im WLTP-Zyklus, der ab September für alle neu zugelassenen Autos Pflicht ist.
Beim grössten Sünder, dem Mitsubishi Carisma von 2001, kamen 150-mal so viel Russpartikel hinten raus wie beim Diesel-Peugeot. Auch ein aktueller Citroën-Benziner von 2016 übertraf den Diesler noch um den Faktor 19 (siehe Grafik oben).
Die Schweizer Forscher wollten auch wissen, welche krebserregenden Stoffe über die Russpartikel verschleudert werden. «Die modernen Benziner produzieren sehr kleine Russteilchen, sogenannte Nanopartikel. Einmal eingeatmet, bleiben sie immer im Körper», sagt Heeb. Das mache die Russpartikel als Träger für zahlreiche Gifte besonders gefährlich.

Die Empa suchte gemeinsam mit der Berner Fachhochschule nach krebserregenden Stoffen, neben Benzo(a)pyren auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen (PAK). Sie addierten das Krebspotenzial von acht gefundenen Stoffen und verglichen es mit dem europaweit geltenden Luftgrenzwert für Benzo(a)pyren. Der dreckigste Benziner überschritt den Wert um das 1700-Fache, der Diesel mit Partikelfilter um den Faktor 45. «Es ist unverständlich, dass die bewährten und günstigen Partikelfilter nicht längst auch in Benzinern verbaut werden», kritisiert Heeb.
In vielen Teilen der Welt sind die krebserregenden Abgase in Benzinern ein noch viel grösseres Problem als in Europa. «In asiatischen Metropolen zum Beispiel gibt es kaum Dieselfahrzeuge. Wenn jetzt immer mehr Benziner zu russen beginnen, droht der bereits stark belasteten Bevölkerung eine gesundheitliche Katastrophe.»

Labor für Verbrennungsmotoren und Abgastechnik

Dr. Jan Czerwinski

Leitung Gruppe Abgastechnologie
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Institut für Energie- und Mobilitätsforschung IEM

Labor für Verbrennungsmotoren und Abgastechnik