{"status":0,"server":"www.ti.bfh.ch","data":[{"uid":3265,"pid":728,"tstamp":1534226394,"datetime":1534226340,"title":"Der verborgene Internet-Markt","shorttext":"Zwei Informatikstudenten der Berner Fachhochschule haben eine Anwendung entwickelt, mit der sich Finanzfl\u00fcsse der Kryptow\u00e4hrung Bitcoin im Darknet messen lassen. ","bodytext":"

Dort kann man Drogen, Waffen oder gef\u00e4lschte Papiere kaufen, verbotene pornografische Inhalte konsumieren oder die Dienste von Hackern mieten: Es sind vor allem illegale Gesch\u00e4fte, die im sogenannten Darknet abgewickelt werden. Trotzdem ist der Einstieg in die dunklen Tiefen des Internets kaum schwieriger als der Kauf eines Buches \u00fcber Amazon oder Ebay. \u00abDas Darknet besteht aus Netzwerken, die f\u00fcr gew\u00f6hnliche Internetnutzer unsichtbar sind. G\u00e4ngige Browser wie Firefox oder Google Chrome k\u00f6nnen dort nicht eindringen\u00bb, erkl\u00e4ren Julien Farine und Xavier Hennig. Die beiden Bieler haben soeben ihr Informatikstudium an der Berner Fachhochschule abgeschlossen. Ihre gemeinsame Diplomarbeit befasst sich mit dem Darknet. \u00abWer sich dort Zutritt verschaffen will, ben\u00f6tigt eine besondere Suchmaschine, denn die Darknet- Seiten besitzen keine der \u00fcblichen Domainbezeichnungen, die von herk\u00f6mmlichen Browsern erkannt werden. Der weitaus bekannteste Navigator heisst Tor\u00bb, erkl\u00e4ren Farine und Hennig. Die beiden haben ein Programm entwickelt, mit dem sich Finanzfl\u00fcsse im Darknet messen lassen. Daf\u00fcr haben die Informatiker die Plattform Wall Street Market gew\u00e4hlt. Es handelt sich nach Angaben des Fachportals Deepdotweb um den gr\u00f6ssten virtuellen Marktplatz im Tor-Netzwerk. \u00abWir wollten wissen, wie viel Geld im Darknet fliesst\u00bb, sagt Julien Farine. Die zwei Informatiker haben sich auf die Transfers von Bitcoin konzentriert, denn diese Kryptow\u00e4hrung ist auf virtuellen Marktpl\u00e4tzen am meisten verbreitet. Xavier Hennig erkl\u00e4rt: \u00abAlle Bitcoin-Transaktionen werden in einer \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Datenbank, der sogenannten Blockchain, protokolliert. Zudem enth\u00e4lt jede \u00dcberweisung einen Code, mit dem man den Ursprung und das Ziel der Bitcoin-Transaktion feststellen kann.\u00bb

Vorget\u00e4uschte K\u00e4ufe<\/h3>
Die Diplomanden der Fachhochschule wollten herausfinden, welche Bitcoin-Transaktionen \u00fcber das Portal Wall Street Market abgewickelt werden. Daf\u00fcr mussten sie als K\u00e4ufer auftreten: \u00abWir haben vorget\u00e4uscht, dass wir uns f\u00fcr Anleitungen interessieren, in denen beschrieben wird, wie man Drogen herstellt oder wie man eine Bombe baut.\u00bb Wenn ein passendes Angebot gefunden war, klickten die Bieler Informatiker auf \u00abkaufen\u00bb. Daraufhin sandte der Verk\u00e4ufer seine elektronischen Daten f\u00fcr die Bitcoin-\u00dcberweisung. Nun galt es, die Verk\u00e4uferdaten mit den \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Codes in der Blockchain zu vergleichen. Damit konnten all jene Transaktionen identifiziert werden, die \u00fcber Wall Street Market liefen. Am Ende seien sie jedoch keine Gesch\u00e4ftsbeziehung mit den dubiosen Anbietern eingegangen, versichern die Bieler. Mit ihrer Anwendung konnten Farine und Hennig das Volumen der Bitcoin-Transaktionen auf der genannten Plattform messen. Das Ergebnis ist nicht so berauschend, wie man glauben k\u00f6nnte: \u00abIm Monat fliessen etwas mehr als zwei Millionen Dollar auf Wall Street Market. Mit unserer Arbeit konnten wir die Stellung dieses virtuellen Marktplatzes relativieren\u00bb, lautet das Fazit der jungen Forscher. Dennoch sei dieses Volumen bemerkenswert, findet Xavier Hennig: \u00abImmerhin wird hier auf riskante Weise mit illegalen Produkten gehandelt. F\u00fcr derartige Ums\u00e4tze braucht es schon ein grosses Vertrauen der Anbieter und K\u00e4ufer in dieses Portal.\u00bb Auch f\u00fcr die Betreiber von Wall Street Market sei das Gesch\u00e4ft rentabel, weiss Julien Farine: \u00abDahinter sitzen nur vier oder f\u00fcnf Personen und diese nehmen von jeder Transaktion eine Kommission.\u00bb Die quantitative Erhebung der Bieler Studenten wirft zumindest f\u00fcr das breite Publikum ein ganz neues Licht auf das Darknet und seine illegalen Marktpl\u00e4tze. Schliesslich ist dieser Bereich noch wenig dokumentiert. Allerdings gibt die Arbeit von Farine und Hennig keine Auskunft \u00fcber die Art der gehandelten Waren. Ebenso bleiben die Identit\u00e4ten der Anbieter, der K\u00e4ufer und der Verantwortlichen von Wall Street Market im Dunkeln. Aber darin liegt ja gerade die Besonderheit des Darknets: Die Daten werden \u00fcber st\u00e4ndig wechselnde verschl\u00fcsselte Server transportiert. Sobald drei solcher Server passiert werden, kann die IP-Adresse des Computers - und damit der Inhaber des Ger\u00e4tes - nicht mehr identifiziert werden. Trotz allem machen die Beh\u00f6rden Jagd auf Plattformen wie Wall Street Market. Im vergangenen Sommer war es dem FBI und Europol gelungen, zwei f\u00fchrende Marktpl\u00e4tze f\u00fcr illegalen Onlinehandel, Hansa und Alphabay, zu schliessen. Dieser Kampf sei zum heutigen Zeitpunkt fast aus- sichtslos, sagen die beiden Informatiker: \u00abDas Darknet ist wie die griechische Hydra: Wenn sie einen Kopf verliert, wachsen an dessen Stelle zwei neue.\u00bb

Die guten Seiten des Darknets<\/h3>
Der Zugang zum Darknet ist in der Schweiz nicht verboten. Das daf\u00fcr notwendige Tor-BrowserPaket kann v\u00f6llig legal heruntergeladen werden. Zweifellos operieren im unsichtbaren Netz illegale Marktpl\u00e4tze im Drogen- und Waffenhandel oder in der Kinderpornografie. Aber es gibt auch ehrbare Gr\u00fcnde daf\u00fcr, warum Menschen anonym bleiben wollen, wie Xavier Hennig und Julien Farine erkl\u00e4ren: \u00abWir finden dort beispielsweise Blogs von Dissidenten aus China oder Nordkorea, wo die pers\u00f6nliche Meinungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt ist. Gerade Journalisten finden im Darknet wichtige Informationsquellen.\u00bb Auch die Organisation Wikileaks greift auf das Darknet zur\u00fcck, um die Anonymit\u00e4t der Whistleblower zu garantieren.
\"\"<\/a> ganzer Artikel | Bieler Tagblatt, 7. August 2018<\/a>

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