Neugier ist mein Antrieb

17.04.2018

Reto Wildhaber vereint als Doktorand an der Berner Fachhochschule in Biel mitgebrachtes Ingenieur- und Medizinwissen. Sein Herz schlägt für die Forschung.

Reto Wildhaber, Sie arbeiten hier an der BFH in Biel in der Funktion als Doktorand. Was heisst das?

Reto Wildhaber: Genau gesagt bin ich Doktorand an der ETH in Zürich, aber von der BFH angestellt, um hier in Biel am Institute for Human Centered Engineering HuCE das Projekt Esophageales EKG voranzutreiben, wo es darum geht, Herzrhythmusstörungen via Elektrokardiographie-Signale aus der Speiseröhre zu analysieren. An einem Tag pro Woche arbeite ich in Zürich, an vier Tagen in Biel.

Wie ist für Sie dieses Hin-und-her- Pendeln?

Bereichernd. Es sind zwei Welten, die sich ergänzen. In Zürich ist Signalverarbeitung mein Thema. Es geht darum, aus Kurven und Daten, die von Sensoren aufgezeichnet wurden, jene Informationen herauszuholen, die man wirklich haben will. Es ist Forschung mit dem Ansatz: was ist grundsätzlich möglich? Hier in Biel geht es hingegenumetwas Praktisches, um ein Produkt, einen Speiseröhren-EKG-Katheter, das dereinst an Mann und Frau gebracht werden soll. Das ist eine ganz andere Stufe.

Und wie verbinden Sie beides?

Ich arbeite im Rahmen meiner Dissertation an Problemstellungen aus dem Bieler Projekt und lasse die Erkenntnisse wieder zurückfliessen. Um Signalverarbeitung geht es schliesslich auch hier ganz stark, nämlich um die Signale, die uns der Speiseröhrenkatheter aus unmittelbarer Herznähe sendet. Ich koordiniere die Arbeiten in diesem Bereich und sitze regelmässig mit allen Involvierten zusammen. Professor Marcel Jacomet, Leiter desHuCE an der BFH, gibt mir viele Freiheiten. Ich weiss das sehr zu schätzen und auch die Nähe zu den mitwirkenden Studenten. Ich arbeite mit ihnen am gleichen Pult und wenn ich ein Problem auftische, kommt manchmal einer schon ein paar Tage später strahlend mit der Lösung daher.

Wie sind Sie eigentlich zu diesem Projekt dazugestossen?

Während meines Medizinstudiumshabe ich Professor Rolf Vogel kennengelernt, Arzt und Ingenieur, wie ich heute. Ich fragte ihn an, ob ich bei ihm im Forschungsinstitut vom Inselspital Bern arbeiten könne. Er war damals schon mit der BFH in Kontakt wegen dem Speiseröhrenkatheter- Projekt, mit dem Ziel, die Diagnostik im Bereich der Herzrhythmusstörungen zu verbessern. So lernte mich dieBFHkennen und fragte mich schliesslich 2013 an, Vollzeit nach Biel zu kommen. So konnten wir die Forschungszusammenarbeit mit unserem Projektpartner, dem Inselspital, fortführen.

Was bedeutet es Ihnen, hier zu forschen?

Mein Traum ist damit in Erfüllung gegangen. Ich lebe professionell aus, was ich schon als Kind gemacht habe. Experimentieren, untersuchen, hinterfragen. Ich habe immer alles auseinandergenommenund war sehr an Technischem interessiert. Neugier ist mein Antrieb. Schon als Primarschüler begann ich zu programmieren und die Hausaufgaben mit dem Computer zu lösen. Die logische Folge: eine Elektronikerlehre und dann ein Ingenieurstudium in Elektrotechnik.

Und warum dann noch das Medizinstudium?

So als Ingenieur arbeitend überkam mich das Bedürfnis, die andere Welt, die des Menschen, auch noch kennen zu lernen. Ich wollte mehr davon verstehen. Man arbeitet als Ingenieur immer auch an Schnittstellen, wo Technisches und Lebendiges aufeinandertreffen. Der Anfang im Medizinstudium allerdings war hart, weil ich plötzlich mit Widersprüchen konfrontiert war.

Aber nun sind Sie ja zurück im Ingenieurwesen…

Ja, weil als Arzt ist es schwierig, Forschung zu betreiben, man ist sehr eingebunden in den Spitalalltag. Hier im technischen Bereich kann ich diesen Trieb voll ausleben. Mich reizen einfach Dinge, die man scheinbar nicht erklären kann, und da dann nach Erklärungen zu suchen. Die Signale unseres Katheters beispielsweise habe ich lange nicht verstanden. Es ist alles sehr dynamisch, weil der Körper halt nicht still steht.

Sie schliessen noch dieses Jahr Ihr Dokotorat ab. Wie geht es für Sie weiter?

Fliessend. Ich forsche weiter am Institute for Human Centered Engineering HuCE der BFH am aktuellen Projekt, formell dann im Rahmen einer sogenannten Tenure-Track Professur, einer Art Professur auf Zeit. Entstanden ist sie aus der neuen Zusammenarbeit derBFHund der Solothurner Spitäler, wo Rolf Vogel unterdessen Chefarzt Kardiologie ist. Für mich ändert sich vor allem, dass ich nebst der Forschung ab 2019 unterrichten werde. Das ist mir auch wichtig. Die letzten zehn Jahre wurde meine Forschungstätigkeit von der Öffentlichkeit finanziert. Ich gebe nun gerne etwas weiter.

Interview: Janosch Szabo