«Brainstorming ist nicht so super»

26.11.2018

Ohne Ideen wäre die BFH-Welt eine Wüste. Doch lassen sich Kreativität und neue Denkansätze einfach aus dem Hut zaubern? Eher nein. Die Expertin für Innovation erklärt.

Ina Goller, lässt sich Kreativität mit einem Muskel, der trainierbar ist, vergleichen?

Ina Goller: Ja, es ist eine Kompetenz, die man trainieren kann. Wenn man sich die menschlichen Fähigkeiten in der Forschung anschaut, sieht man, dass 50 Prozent der Kreativität genetisch gegeben sind, 10 Prozent sind Umgebungsfaktoren und 40 Prozent selbst beeinflussbar, also «Muskeln».

Was sind das für Fähigkeiten?

Es sind zweierlei Arten: einerseits die Fähigkeit, überhaupt Ideen zu generieren. Dazu gehört zum Beispiel die Offenheit, aber auch, Probleme erkennen zu können. Egal, ob in der Kunst oder in der Technik: Mit Kreativität will ich etwas neu ausdrücken oder ein Problem lösen, das bisher nicht oder nicht auf diese Weise gelöst wurde. Andererseits geht es bei der Ideenfindung auch darum, Muster zu erkennen.

Das heisst?

Manche Leute können wesentlich besser abschätzen, was in der Zukunft kommen wird. Sie schauen anderswo hin und erkennen andere Dinge und Muster. Ein uraltes Beispiel: Henry Ford erkannte, dass in den grösseren Städten der USA ein Mittelstand entstand, der über Freizeit verfügte und Spass an der Mobilität hatte. Ford stellte ein Privatauto so preiswert her, dass es sich die Leute kaufen konnten. Er hatte den Massenmarkt entdeckt.

Wie sind Kreativität und Produktivität verbunden?

Ich beschäftige mich ja vor allem mit Kreativität in Organisationen, also mit zielgerichteter Kreativität, mit Innovation. Bei Forschern gibt es zwei Fraktionen. Die einen, oft im technischen Bereich, die lieber im stillen Kämmerchen für sich brüten. Die anderen brauchen positive Teamarbeit.

Können Sie ein Beispiel geben?

Brainstorming war der Hype, ist aber für unser Hirn am Anfang gar nicht so super. Man wird in seinem Gedankengang ständig von den anderen unterbrochen. Es macht daher viel mehr Sinn, zuerst eine Art «Brainwriting» durchzuführen, also dass jeder seine Gedanken mal in Worte fasst und erst dann mit den anderen in den Austausch geht.

Wo endet Kreativität, wo beginnt Innovation?

Einfach gesagt: Kreativität ist der Möglichmacher von Innovation, Innovation ist das Endprodukt. Doch bezüglich Definition sind sie sich so ähnlich, dass inhaltlich praktisch kein Unterschied auszumachen ist.

Sie erwähnen in Ihrer Doktorarbeit, dass in der Forschung offen ist, ob Kreativität domainspezifisch, also nur bezogen auf ein Gebiet, funktioniert.

Bei jeder Fähigkeit gibt es einen Teil, den man allgemein einsetzen kann. Ob bei der Kommunikation oder kreativen Gedankengängen. Wenn ich gut bin, in einem Gebiet Muster zu erkennen, dann bin ich wahrscheinlich überall gut darin, Muster zu erkennen. Aber die fachspezifische Einordnung von Ideen oder das Erkennen von Innovationslücken sind Themen innerhalb der Innovation, bei denen Fachwissen hilfreich ist. Einer der grossen Kreativitätsmythen ist das Genie, das von aussen kommt, die brillante Idee entdeckt und sie den engstirnigen und blinden Fachleuten aufzeigt.

Was sind Stolpersteine für die Kreativität?

Positiv formuliert: die psychologische Sicherheit. Menschen müssen sich in einem Team sicher fühlen, um Meinungen zu äussern, Fehler zuzugeben und anzusprechen. Es gibt keine interpersonellen Risiken, ich verliere mein Gesicht nicht, wenn ich etwas sage.

Wenn aber nun der Chef, der im Alltag charakterliche Defizite aufweist, im Kreativworkshop völlig andere Kommunikationsweisen etabliert – funktioniert es trotzdem?

Zumindest teilweise. Indem man zum Beispiel den Teams eine Rückmeldung gibt, wer sich wie oft zu Wort gemeldet hat, jedoch ohne Namen zu nennen und ohne zu werten.

Originaler Artikel | Bieler Tagblatt | 23. Novemeber 2018

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