Autohersteller hinken hinterher

05.09.2018

Die neue Abgasnorm sorgt in der Autoindustrie für Unruhe. Bei den Zulieferern kommt es zu Engpässen, und viele Fahrzeuge müssen umgerüstet werden. Die Abgasprüfstelle in Nidau hingegen konnte sich auf den Wechsel vorbereiten. Trotzdem bezeichnet Jan Czerwinski, ehemaliger Leiter der Gruppe Abgastechnologie der Berner Fachhochschule, das neue Gesetz als voreilig.

Heute ist sie abgelaufen, die zweite Übergangsfrist für die Schweiz der neuen Abgasnorm Euro 6. Wer einen Neuwagen kaufen will, kriegt ab heute nur noch ein Fahrzeug, das die Anforderungen der neuen Abgasnorm Euro 6c erfüllt. Die Vorgaben sind strenger geworden, und das, obwohl die Grenzwerte für die Abgas- Schadstoffe nicht erhöht wurden. Verändert hat sich lediglich der Fahrzyklus, um realistischere Werte bei den Tests auf dem Prüfstand zu erreichen. Zudem wurde bei den Partikeln nicht wie bisher nur eine Obergrenze für die Masse, sondern auch für die Anzahl festgelegt. Und ab nächstem Jahr müssen alle Neuwagen gar einen Abgastest im realen Strassenverkehr (RDE = Real driving emissions) bestehen. Für die einen ist es ein weiterer Schritt in eine saubere Zukunft, der gar nicht schnell genug gemacht werden kann. Für die Autohersteller ist es jedoch ein voreiliger politischer Entscheid, der zu Engpässen bei den Lieferungen geführt hat. In der Abgasprüfstelle (AFHB) in Nidau, einem Labor der Automobilabteilung der Berner Fachhochschule BFH-TI Biel, werden Fahrzeuge getestet, für die beim Import kein Beleg für die Einhaltung europäischer Abgasnormen existiert. Zudem wird dort Forschung auf dem Gebiet der Emissionsminderung bei Fahrzeugen und Maschinen betrieben. Die Ergebnisse der Forschungen dienen zur Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen für Behörden, Industrie und die Fahrzeugbranche. Auch hier hat sich durch die neue Norm einiges geändert. Denn sie mussten sich für den neuen Fahrzyklus einrichten, durch den sich der Aufwand für die Prüfung erhöht. Zudem rüstete sich die eidgenössisch anerkannte Prüfstelle bereits vor einigen Jahren für den neuen Testlauf im realen Strassenverkehr (RDE). Doch Jan Czerwinski, ehemaliger Leiter der Gruppe Abgastechnologie, und sein Nachfolger Danilo Engelmann, bezeichnen die neue Abgasnorm zwar als einen Schritt in die richtige Richtung, jedoch auf dem falschen Weg.

Reaktion auf Abgasskandal

Zurück zum Auslöser dieser Umstellung, zum Abgas-Skandal im Jahr 2015. Die neue Abgasnorm ist eine direkte Reaktion auf die Entlarvung, dass die Abgasmesswerte von Autos verschiedener Hersteller mithilfe von Abschalteinrichtungen verfälscht wurden. So kam es, dass auch heute noch viele Autos mehr Schadstoffe produzieren, als gesetzlich vorgeschrieben. Darauf reagierte die europäische Politik, und zwar rasch. Bereits zwei Jahre später wurde die neue Abgasnorm Euro 6 für neue Fahrzeugtypen eingeführt. Und seit heute gilt sie sogar für jegliche Neuwagen. Weitere Verschärfungen werden im kommenden Jahr folgen. Damit will die Politik die Emissionen der Fahrzeuge minimieren, was zu einer besseren und saubereren Umwelt führen soll. Schnell ging es, nach der Meinung einiger Experten zu schnell. Die Verbrennungsmotoren für Fahrzeuge seien zum Politikum geworden, so Professor Jan Czerwinski. «Die Skandalgeschichte wird gerne von denen aufgewärmt, die davon profitieren», sagt er. Dies habe dazu geführt, dass die neue Gesetzgebung unverhältnismässig ausgefallen sei. Besonders die Dieselmotoren wurden laut Czerwinski durch die Debatte in ein falsches Licht gerückt. «Heute traut man sich kaum mehr, ein Dieselauto zu kaufen.» Dabei würden die Dieselfahrzeuge bezüglich Abgasemissionen im Vergleich zu den Benzinern auch Vorteile aufweisen und im direkten Vergleich nicht zwingend schlechter abschneiden. Im Bereich der Nanopartikel, welche auch als Feinstaub bezeichnet werden, sei der Diesel dem Benziner einen gewaltigen Schritt voraus. Während die neuen Dieselfahrzeuge bereits vor einigen Jahren mit einem Partikelfilter ausgestattet wurden, muss dies nun bei manchen Benzinern nachgeholt werden. Folglich müssen die Autohersteller in diesem Bereich nicht die Dieselfahrzeuge nachrüsten, sondern die Benziner mit Partikelfiltern ausstatten.

Ganzer Artikel | Bieler Tagblatt | 1. September 2018