Wo Apps Patienten dirigieren

02.10.2018

Die Digitalisierung und Vernetzung von patientenbezogenen Prozessen im Gesundheitswesen – insbesondere im Spital – steigert die Effizienz und Patientensicherheit und hilft sparen. Die Medizininformatik der Berner Fachhochschule entwickelt Anwendungen, die Patienten durchs Gesundheitswesen leiten oder auf die korrekte Medikation achten.

Das Gesundheitswesen steht nicht nur unter Spardruck, auch die Digitalisierung verlangt einen tief greifenden Strukturwandel. In der Studie «Spital der Zukunft» haben GS1 Switzerland und economiesuisse grosses Optimierungspotenzial bei der Wertschöpfungskette in Spitälern festgestellt. Im Rahmen der ersten Studie wurde auch die Prozessanalysemethode IXPRA entwickelt, mit der sich Schnittstellen innerhalb eines Spitals visualisieren und analysieren lassen. Auf den gewonnenen Erkenntnissen baut nun das Projekt «Spital der Zukunft Live» auf, in dessen Verlauf Anwendungen für digitalisierte und organisationsübergreifend vernetzte Prozesse entwickelt werden. Das Vernetzen von Teilbereichen erzeugt Synergieeffekte, welche Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung verbessern.

Eine App als Mastermind

Ein Beispiel dafür ist die App «Pfadnavigator », die als Prototyp im Living Lab der Medizininformatik der Berner Fachhochschule läuft. Sie macht den Behandlungspfad eines Patienten durch das Gesundheitswesen transparent und effizient steuerbar. Der Pfadnavigator zeigt dem Patienten – der beispielsweise vor einer Hüftoperation steht – jederzeit seine nächsten Termine. Die Aussagen von Ärzten können mit Informationsseiten ergänzt werden, Checklisten liefern die für den Spitaleintritt nötigen Infos. Der Pfadnavigator informiert Patienten über Terminänderungen, Patienten können mit der App aber auch selbst solche beantragen. Für Ärzte und Fachärzte verfügt der Pfadnavigator über ein Webinterface, auf dem sie sich mit stationären und mobilen Geräten über den Status des Patienten informieren und steuernd in den Verlauf der Behandlung eingreifen können. Der Pfadnavigator bringt sowohl den Patienten wie auch dem medizinischen Fachpersonal mehrere Vorteile. Für Patienten macht er den Behandlungsverlauf transparent und erinnert sie an Termine. Er stellt relevante Informationen bereit und hält sie aktuell. Insgesamt erlaubt er Patienten eine bessere individuelle Vorbereitung auf kommende Behandlungen. Das medizinische Fachpersonal kennt die anstehenden Prozesse und kann steuernd eingreifen. Es besteht ein direkter Kommunikationsweg zu den Patienten, der auch Zufriedenheitsabfragen ermöglicht. Zudem kann der Pfadnavigator auch als Plattform für ein zentral organisiertes Behandlungsprogramm (Disease Management) bei chronisch kranken Menschen verwendet werden. Technisch betrachtet besteht der Pfadnavigator aus drei Komponenten: Er verfügt über Schnittstellen zu den Informationssystemen im klinischen und ambulanten Bereich, eine zentrale Datenhaltung und eine Schnittstelle zur mobilen Anwendung des Patienten. Alle Daten werden laufend mit Daten aus anderen Informationssystemen abgeglichen und aktualisiert. Bei einer Implementierung ausserhalb des Labors sind insbesondere die institutionsübergreifende Patientenidentifikation und die Sicherheit beim Datenaustausch zu beachten. Das elektronische Patientendossier (EPD) könnte an die vorhandene Architektur angeschlossen werden. Hierfür muss allerdings ein standardisiertes Austauschformat entwickelt werden.

eMMA passt auf Tabletten auf

Im Rahmen einer Bachelorarbeit an der Berner Fachhochschule wurde ferner die «elektronische Medikations-Assistentin » (eMMA) entwickelt. Diese App entstand aus dem Bedürfnis, eine allgemein funktionierende E-Medikation zu ermöglichen, weil die Verwendung des elektronischen Patientendossiers derzeit erst auf freiwilliger Basis erfolgt. Die App verfügt über ein Conversational User Interface: Man kann mit ihr einen Dialog über die Medikation führen. Sie kann Informationen zu den aktuellen Medikamenten und ihrer Einnahme liefern und Fragen des Nutzers zur Medikation beantworten. Ferner kann die App ein Medikament selbstständig im Arzneimittel-Kompendium nachschlagen und den Barcodeleser zum Einscannen eines Medikaments oder eines E-Mediplans starten. Beim Start des Chatbot-Service erhält dieser ausserdem Kontextinformationen aus der App oder anderen Quellen, wie beispielsweise Namen von Medikamenten aus der Spezialitätenliste. Um diese Funktionen zu ermöglichen, wurde die in eMMA eingesetzte künstliche Intelligenz erweitert. Vorher testete man, an welchen Stellen Nutzer an die Grenzen der App stiessen. So liessen sich an diesen Stellen systematisch neue Regeln für die Wissensbasis des Conversational User Interface implementieren. Bei der Auswahl der Technologie wurden verschiedene Chatbot- Frameworks evaluiert. Darunter waren sowohl musterbasierte Skripts als auch auf Natural Language Processing basierende Systeme. Man entschied sich schliesslich für die regelbasierte Skriptsprache RiveScript. Ein entsprechender Interpreter ist lokal auf dem Smartphone lauffähig und kann als Service in die bestehende Architektur von eMMA integriert werden. Als nächster Schritt soll mit Usability-Tests herausgefunden werden, welche weiteren Interaktionen mit eMMA notwendig sind. Die derzeit noch manuell erstellte Wissensbasis kann mittels Konversationsprotokollen aus Medikamentenforen automatisch erweitert werden. Dabei muss jedoch die Qualität und Zuverlässigkeit dieser Informationen sichergestellt sein.

Ganzer Artikel | GS1 network online | 28. September 2018

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BSc Medizininformatik