Smart homes für ältere Menschen

18.12.2018

Die Lebenserwartung in der Schweiz ist weltweit eine der höchsten. Viele Menschen dürfen bei guter Gesundheit und umsorgt von einem ausserordentlich guten Gesundheitswesen der Rente mit Freude entgegensehen. Getrübt wird diese Situation einzig dadurch, dass wir einem Rentnerboom gegenüberstehen.

Die sogenannten Babyboomer erreichen nun ihr Pensionsalter. Ab 2020 wird sich über eine Dekade Rekord an Rekord aneinanderreihen: Jedes Jahr werden dann so viele Menschen in der Schweiz in Rente gehen, wie noch nie zuvor (Bundesamt für Statistik). Tatsache ist zudem, dass dabei viele Arbeitsplätze frei werden, die nicht mehr kompensiert werden können. Die sogenannte Überalterung ist aber auch für die ambulante Pflege von alten Menschen eine grosse Herausforderung. Mehr alte Mitmenschen und damit verbunden auch mehr chronische und multimorbide Erkrankungen werden die Haushalte und das Gesundheitswesen über eine ganze II ...der Spiegelschrank... Generation hin herausfordern. In der Schweiz stehen allerdings schon heute zu wenige Pflegekräfte zur Verfügung, und diese Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen: Die Zahl der bis 2030 zusätzlich benötigten Pflegepersonen wird auf 65 000 geschätzt (Schweizerisches Gesundheitsobservatorium [Ob - sank 2016).

Lösungsalternativen

Dafür brauchen wir Lösungen. Eine zielführende Idee ist dabei, zukünftige Wohnungen mit Sensorik («Assistenten») auszustatten - «Active Assisted Living» (AAL). Eine solche Technik kann im Hintergrund den Bewohnern mit «Rat und Tat» zur Seite stehen - und bei Bedarf die Spitex aktiv mit einbinden. Doch wie kann das in Zukunft aussehen? Denn wir machen mit den heutigen Systemen die Erfahrung, dass sie nur zum Teil auf eine gute Akzeptanz stossen. Insbesondere gegenüber Kamerasystemen erleben wir grosse Skepsis, die aber ein einfaches und effizientes «Monitoring» erlauben würden. Andere Systeme versuchen, den Gesundheitszustand zu überwachen. Es ist beispielsweise möglich, ein EKG im Bett aufzunehmen oder die Urinmenge und dessen Zusammensetzung in der Toilette zu messen. Es gibt sogar schon Versuche, Hirnstromkurven während des Vollbades zu messen. Wie Studien zeigen, wirken auch viele dieser Ideen abschreckend auf ältere Menschen. Notfallarmbänder sind hingegen ein einfaches Mittel und finden eher Anwendung. Jedoch werden diese nachts häufig nicht getragen, und im Falle eines Sturzes be- .. und die Wegaufzeichnung am Bildschirm. darf es Bewusstsein und die Fähigkeit, den Alarmknopf noch zu drücken. Wir versuchen in unseren Laboren in Biel darauf Antworten zu finden. Dazu haben wir eine 2-Zimmer-Wohnung für «Frau Brönnimann», eine «Modellrentnerin», aufgebaut. Frau Brönnimann lebt je nach Szenario einmal allein in der Wohnung, oder auch mit ihrem Mann «Kurt». Die Wohnung soll die 80-jährige Frau Brönnimann bei ihren täglichen Aufgaben unterstützen und auch Sicherheit geben für ein möglichst noch langfristiges selbstständiges Wohnen. Je nach Beeinträchtigung natürlich auch unter Einbezug der Spitex. Im Zentrum steht damit das Ziel, ein «Smart Home für ältere Menschen» zu entwickeln.

Die Laborwohnung

Unsere Laborwohnung wird schrittweise mit den neuesten Technologien ausgerüstet. Es ist unser Ziel, Sensorik unsichtbar zu integrieren und komplett auf Kameras zu verzichten. Im Wohnzimmer (Abbildung 1), Schlafzimmer und Eingangsbereich ist der Boden vollflächig mit Sensorik versehen. Diese kapazitiven Sensoren funktionieren ähnlich wie der Touchscreen eines Smartphones. Sie messen, wo sich Füsse oder ein Körper befinden. Daraus lässt sich berechnen, wie und wohin sich ein Mensch bewegt. So können wir erkennen, wenn jemand am Boden liegt, und dann einen Alarm auslösen - z.B. eine SMS an die Spitex verschicken, die einen entsprechenden Pikett-Dienst anbietet oder aber auch an die Kinder oder Enkel. Mit Hilfe der SMS ist es nun möglich, sich in einen kleinen Roboter in der Wohnung einzuwählen. Dieser Roboter ähnelt einem Staubsaugerroboter, auf dem eine Stange aufgesetzt ist, an deren oberen Ende wiederum ein Tablet montiert ist. Mithilfe einer App kann nun sehr einfach die Spitex oder eine andere Person, die in das Hilfeszenario eingebunden wurde, diesen kleinen Roboter zum Sturzopfer navigieren. Über das mitgeführte Tablet kann mit Videotelefonie nun Kontakt mit der gestürzten Person aufgenommen werden und schnell entschieden werden, welche Art von Hilfe jetzt benötigt wird. Der Sensorboden erlaubt aber noch mehr. Wir versuchen auch herauszufinden, ob anhand des Bewegungsmusters etwas über den Gesundheitszustand des Menschen ausgesagt werden kann. Eine Gangänderung könnte z.B. auf einen bevorstehenden Sturz hindeuten. Auch dem Schutz der Privatsphäre wird grösste Bedeutung beigemessen. So wird z.B. für die Aufnahme und Verarbeitung der Sensordaten auf eine lokale Lösung gesetzt, die keine Online-Datenübermittlung an eine zentrale Datenbank in der Cloud erfordert. Nur wenn das System einen «Notfall» erkennt, wird über SMS Kontakt nach aussen aufgenommen.

Der «intelligente Kleiderschrank»

In Brönnimanns Wohnung steht auch der Prototyp des intelligenten Kleiderschranks, der eine Kleiderempfehlung für den aktuellen Tag auf einem Tablet anzeigt, das hinter einer halbdurchlässigen Spiegelschranktür befestigt ist. Auf dem Startbildschirm werden die Innen- und Aussentemperatur, die Wettervorhersage und die Termine des Tages angezeigt. Wählt man einen Termin aus, wird eine Empfehlung für die passende Kleidung berechnet und angezeigt. Sollte dieser Vorschlag nicht gefallen, kann man weitere Kombinationen durchblättern. Ein Fingertipp auf ein Kleidungsstück auf dem Display aktiviert mehrfarbige LEDs, die den Aufbewahrungsort anzeigen. Der intelligente Kleiderschrank berücksichtigt für die Berechnung des Kleidervorschlages das aktuelle Wetter, die Wetterprognose und die im Kalender eingetragenen Termine. Dabei wird die zur Art des Termins passende Kleidung vorgeschlagen. Ein Kleidungsstück, das immer wieder aktiv ausgewählt wurde, wird in Zukunft häufiger vorgeschlagen. Eine weiterführende Forschungsarbeit hat das Ziel herauszufinden, wie sich der ganze Wäschekreislauf logistisch abbilden und möglichst unauffällig umsetzen lässt. Derzeit experimentieren wir mit waschbaren RFID-Tags in den Kleidern, damit wir deren jeweiligen Standort bestimmen können. Der Wäschekorb meldet sich via SMS bei einem Dienst, die die Wäsche zum Waschen abholt. Sollten Sie noch nie einen Wäschekorb mit RFID-Antenne gesehen haben, müssen Sie nur den Brönnimanns bei uns einen Besuch abstatten! Bei aller Faszination für die Technik sollte man nicht vergessen, dass die Förderung der Selbstständigkeit der Menschen im Vordergrund stehen muss und die eingesetzten Technologien die normalen täglichen Aktivitäten nicht stören dürfen. Die Technik muss frühzeitig - möglichst bei der altersgerechten Renovation einer Wohnung eingebaut werden, damit die Bewohner wie selbstverständlich damit leben. Die Technik muss unaufdringlich unterstützen und nur bei Bedarf eingreifen. Wir sind überzeugt, dass solche Technologien in Zukunft genauso in ein Haus gehören werden wie heute ABS und ESP in ein Auto.

Quelle: Der Berner Hauseigentümer | 14. Dezember 2018

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